Lenin – Wladimir Iljitsch Uljanow (1870 – 1924) und seine Zeit

Jugend und Schulzeit

Lenin wird als Wladimir Iljitsch Uljanow in Sinbirsk an der Wolga (heute Uljanowsk, 850km von Moskau entfernt) am 22. April 1870 als drittes Kind von sechs Kindern eines in den erblichen Adelsstand aufgestiegenen Schulinspekteurs.

Seine Mutter Maria, Gutsbesitzertochter und studierte Lehrerin, hat deutsche, jüdische und schwedische Wurzeln. Der Vater Ilja Uljanow, stammt von einem westmongolischen Nomadenvolk, den Kalmücken, ab. Lenins Grossvater war ein aus der Leibeigenschaft befreiter Bauer.

Die Eltern sind zarentreu. Im Zarenreich lebten sie ein bürgerliches Leben ohne Sorgen und waren von der Gemeinschaft hochgeachtet. Die Söhne vom Vater Ilja Uljanow durften sogar den Adelstitel «Edelmann» tragen. Sie haben keine Erfahrung von Armut oder der Nöte der Bauern.

Am Gymnasium (1879-1887) in Sinbirsk ist Lenin der beste Schüler. Für seine Lehrer ist er der Musterschüler. Einzig im Fach Logik hatte er Schwierigkeiten. Später wird er eine simple Auslegung für Logik haben: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Dafür muss er logischerweise büssen.

Sein Bruder Alexander studiert Biologie an der Universität in St. Petersburg. Von seinen Kontakten zu antizaristischen Revolutionsgruppen erfährt die Familie nicht. Die Gruppe von Alexander wird bei der Vorbereitung eines Attentats auf den Zaren entdeckt, Alexander und die anderen werden verhaftet und verurteilt.  Weil er keine Reue zeigen konnte, wird er 1887 gehängt.

Sein Vater erfährt nichts mehr davon, er ist unerwartet kurz davor an einer Hirnblutung gestorben. Lenin ist da 17 Jahre alt. Die Hinrichtung des Bruders findet drei Tage nach dem Beginn der Abschlussprüfungen Lenins statt. Er bestand diese trotzdem mit Auszeichnung. Aber dies war sicher eine prägende Erfahrung für Lenin.

Die Mutter muss mit den Kindern aus dem Ort wegziehen, ja, es ist regelrecht eine Flucht. Achtung hat sich in Ächtung verwandelt. Zuerst lassen sie sich in Kasan nieder. Die Mutter kauft hier ein Haus. Lenin beginnt dort ein Jurastudium an der Universität.

Er beschäftigt sich mit den revolutionären Schriften seines Bruders. Zudem nimmt er an Protestaktionen der Studenten teil. Als Bruder eines Hingerichteten, der unter den Studenten als Märtyrer verehrt wird, gilt er als gefährlich und wird nach nur drei Monaten von der Universität verwiesen und sogar aus der Stadt verbannt.

Bei Samara bezieht die Familie im Mai 1889 ein Gut, das die Mutter mit ihrem Kapital erworben hatte; verpachtete es aber bald, da der junge Lenin keine Fähigkeit hatte, es zu bewirtschaften.

Die verwitwete Mutter ist es, die Wladimirs Lebensunterhalt bis hin zur Oktoberrevolution 1917 sichert, ein eigenes Einkommen hat Lenin nicht.

Erste revolutionäre Aktivitäten

In den Jahren 1887-1891 studiert Lenin Jura in Samara. Hier beginnen seine ersten revolutionären Aktivitäten. Lenin schliesst sich der gleichen revolutionären Bewegung an und beginnt die Zarenherrschaft zu hassen.

Ab 1891 arbeitet er zwei Jahre als Rechtsanwalt in Samara. Dann zieht er nach St. Petersburg, wo er neben seiner Anwaltstätigkeit in der revolutionären Bewegung mitarbeitet und Kontakt zu führenden Sozialdemokraten aufnimmt. Dort trifft er 1894 seine zukünftige Frau Nadeschda Krupskaja, welche dort Arbeiter in einem marxistischen Studentenzirkel unterrichtet. Sie besuchen gemeinsam politische Veranstaltungen und verstehen sich auf Anhieb.

Zusammen mit Julij Martow (1873-1923), dem späteren Menschewikenführer, gründet Lenin 1895 den „Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse“, einen der Vorläufer der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR).

Gefängnis und Verbannung nach Sibirien

Wegen politischer Agitation verbringt er zwei Jahre im Gefängnis (1895-1897). 1896 wurde auch Krupskaja wegen „verbotener Agitation“ zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe verurteilt.

Sie beantragte, ihre Verbannungszeit als „Braut“ Uljanows verbringen zu dürfen. Ein Heiratsantrag von ihr hat Lenin zuerst abgelehnt, doch die Behörden verlangten eine unverzügliche Eheschliessung. Nach der Eheschliessung 1898 verbrachte das Paar die Verbannungszeit mit Krupskajas Mutter Jelisaweta. Die Verbannten erhielten eine kleine finanzielle Unterstützung von der Regierung in Höhe von 17 Kopeken täglich und stellten ein sechzehnjähriges Dienstmädchen ein.

Während der drei Jahre in sibirischer Verbannung (1897-1900) verfasst er weiterhin revolutionäre Propagandaschriften.

1900 geht er nach Westeuropa ins Exil, wo er über 5 Jahre bleiben wird. Er beteiligt sich an der Gründung der für Russland bestimmten Zeitung „Iskra“, in der er sein Konzept einer revolutionären Kaderpartei beschreibt. Er benutzt von nun an den Decknamen Lenin.

Auf dem zweiten Parteikongress der SDAPR in London (1903) kann Lenin seine Parteikonzeption durchsetzen. Die Partei spaltet sich daraufhin in die von ihm geführten Bolschewiken und die Menschewiken unter Martow, die eine Massenbasis anstreben.

Die erste Russische Revolution 1905 verpasst Lenin. Als in Russland viele Frauen gegen den Hunger und die hohen Nahrungsmittelpreise demonstrieren, war Lenin im Exil. Nun aber kehrt er schleunigst nach Russland zurück und befürwortet einen bedingungslosen Kampf gegen den Zaren. Die Protest-Bewegung wird niedergeschlagen, er geht er erneut ins Exil.

Er bildet 1912 eine revolutionäre Kadertruppe und trennt die Bolschewiken als eigenständige Partei endgültig von der Sozialdemokratie ab. Er leitet die neugegründete Parteizeitung „Prawda“ und beruft Josef W. Stalin in das Zentralkomitee.

Im Exil in der Schweiz

In den Jahren 1914-1917 lebt Lenin im Exil in der Schweiz. Auf den europäischen Kriegskonferenzen der linken Sozialisten kann er sich mit seiner Forderung einer „Umwandlung des Krieges in einen Bürgerkrieg“ nicht durchsetzen.

In seiner Schrift „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ (1916) entwickelt er die Lehre von der unvermeidlichen Selbstauflösung der westlichen Industriestaaten.

Im plombierten Zug nach St. Petersburg

Im Februar 1917 erreicht Lenin in Zürich überraschend die Nachricht über die Revolution in Petrograd. Mit Hilfe von Schweizer Politiker und dem Deutschen Geheimdienst kann er in einem Spezialzug durch Deutschland nach Russland fahren. Die Deutsche Heeresleitung verspricht sich, dass Russland dadurch destabilisiert werden könnte und den Krieg gegen sie beendet, dies ein Versprechen von Lenin.

Im April 1917 reist Lenin nach Ausbruch der Februarrevolution in Russland nach St. Petersburg und propagiert den Kampf gegen die Übergangsregierung. Die deutsche Regierung organisiert seine Reise von der Schweiz durch Deutschland und unterstützt seine revolutionären Aktivitäten mit grossen Geldzahlungen, weil sie sich davon verspricht, dass der Kriegsgegner Russland geschwächt wird und sich vielleicht sogar aus dem Krieg zurückziehen wird.

In den „Aprilthesen“ formuliert Lenin 1917 sein radikalrevolutionäres Programm, in dem er folgende Punkte fordert:

  • Alle Macht den Sowjets
  • Beendigung des Krieges
  • Enteignung des Grossgrundbesitzes und sofortige Landaufteilung (Alles Land den Bauern)
  • Kontrolle der Arbeiter über die Industrie
  • Verstaatlichung der Banken
  • Errichtung einer Sowjetrepublik
  • Sturz der Provisorischen Regierung
  • Gründung einer revolutionären Internationale
  • Agitation und Aufklärung der Massen und Gewinnung einer bolschewistischen Mehrheit in den Räten
  • Die Parole lautete fortan Friede – Freiheit, Land und Brot!

Der von den Bolschewiken mitgetragene Juliaufstand scheitert, Lenin flieht verkleidet, mit Perücke und ohne Bart nach Finnland.

Die Oktoberrevolution war ein Putsch

Im November 1917 putschen sich Lenin unter der militärischen Führung von Leo Trotzki an die Macht. Lenin ruft nun eine Räterepublik aus. Die «Oktoberrevolution» ist aber in Wahrheit ein Putsch von wenig hundert Männern.

Er baut 1918 ein diktatorisches Regierungssystem unter Führung der bolschewistischen Kaderpartei auf, oppositionelle Gruppen (auch die Menschewiken) werden radikal unterdrückt.

Gegen starke innerparteiliche Widerstände schliesst Lenin den Friedensvertrag mit dem Deutschen Reich (Brest-Litowsk). Im August wird er bei einem Attentat einer nicht marxistischen Sozialrevolutionärin schwer verwundet.

Der russische Bürgerkrieg (1918-1920) beginnt. Lenin setzt konsequent den neu gegründeten Geheimdienst Tscheka und masslose Militärgewalt zur Unterdrückung der gegenrevolutionären und separatistischen Kräfte ein.

1919 gründet er die „Kommunistischen Internationale“ (Komintern). Damit will er die Verbreitung der Revolution in Westeuropa fördern und schafft damit eine Zentralleitung der kommunistischen Bewegungen.

Hunger und Not breiten sich wieder aus. Mit einer neuen Wirtschaftspolitik zur Verbesserung der Versorgungslage und zur Anhebung des Lebensstandards will er 1921 die Proteste besänftigen.

Krankheit und Tod

Lenin erleidet 1922 zwei Schlaganfälle, die ihn stark in seiner Arbeit einschränken. In einem Brief vom 24./25. Dezember an die Partei warnt er vor innerparteilichen Nachfolgekämpfen und dem Machtehrgeiz Stalins.