Die Ära Chruschtschow – Tauwetter und Entstalinisierung (1953 – 1964)

Als Stalin 1953 starb, atmete Russland auf, erwachte langsam aus der Angststarre der Stalinzeit. Alle hofften auf einen Neuanfang.

Normalerweise konnte man in der Sowjetunion an den Sargträgern ablesen, wer die Nachfolge antreten würde. An Stalins Bahre hatten sich die Mitglieder des Parteipräsidiums eingefunden. Wer Stalins Nachfolger wird, stand vorerst noch nicht fest. Georgi Malenkow, der Stellvertreter Stalins war da. Der Geheimdienstchef Lawrenti Beria hatte ebenfalls grosse Ambitionen.

Einer hat das verhindert: Nikita Chruschtschow. Beria war für ihn ein neuer Stalin, ein neuer Diktator, und die Angst vor Stalin steckt allen noch tief in den Knochen.

Er war redselig, emotional, laut, aufbrausend, provokant und unberechenbar. Chruschtschows Ausbrüche verstören die Welt. Dieses Energiebündel war nur 1.60 gross, aber bot der ganzen Welt die Stirn.

Chruschtschows Werdegang

Geboren wurde Nikita Chruschtschow 1894 als Bauernsohn in einem kleinen russischen Dorf nahe der ukrainischen Grenze geboren. Um Arbeit zu finden, zog die Familie in die Ost-Ukraine, ins heutige Donezk. Die Schule besuchte er nur etwa zwei Jahre, doch er war sehr redegewandt, ehrgeizig und intelligent. Er machte eine Ausbildung als Maschinenschlosser, wurde 1918 Mitglied der kommunistischen Partei. Schon 1925 kam er als Delegierter in den Parteikongress nach Moskau. Dort beginnt er ein Studium an einer Kaderschmiede. In dieser Zeit lernt er die Ehefrau Stalins kennen, was seiner Karriere einen Schub verlieh. 1933 wurde er bereits Parteichef in Moskau. Er spielte die Rolle eines ungebildeten Hofnarren an Stalins Hof. So lullte er Stalins Misstrauen und Wachsamkeit ein.

Die grossen Säuberungen unter Stalin begannen 1934. Da Chruschtschow im Führungskreis war, musste er sich auch daran beteiligen. Die Angst vor dem Diktator Stalin war zu gross, an den Geschehnissen zu zweifeln oder die Wahrheit ans Licht zu bringen. Am Ende seines Lebens sagte Chruschtschow, er sei in Blut gewatet, er habe viele Todesurteile unterschrieben, aber es war zu spät auszusteigen.

1938 wird Chruschtschow Parteichef in der Ukraine. Als 1941 Deutschland Russland angriff, diente er an vorderster Front. Als Polit-Offizier diente er an der Seite der Generäle. In seiner Paranoia warf Stalin den Generälen und Chruschtschow Feigheit vor dem Feind vor. Er beorderte ihn zurück nach Moskau. Das Leben von Chruschtschow hing an einem seidenen Faden. Doch auch in dieser Situation schaffte es Chruschtschow, dass ihm Stalin verzieh und ihn als sein Liebling überleben liess.

Das Kriegsende erlebte Chruschtschow in der Ukraine, wo er sich als Befreier feiern liess. Nach Kriegsende war Chruschtschow verantwortlich für den Wiederaufbau der Ukraine, die Bekämpfung des Hungers und den fortdauernden Kampf gegen ukrainische Nationalisten.

Doch 1949 berief Stalin Chruschtschow wieder nach Moskau, wo er als Sekretär des Zentralkomitees der KPdSU war und dort ab 1950 das Landwirtschaftsressort führte. 1950 leitete er eine grossangelegte Kampagne zur Zusammenlegung von Kolchosen ein. Von 1949 bis 1953 war er auch Erster Sekretär der Parteiorganisation des Gebietes von Moskau. Auf dem XIX. Parteitag der KPdSU 1952 verkündete er auf Geheiss Stalins wichtige Abänderungen am Parteistatut.

Nun ist Chruschtschow dabei beim Spiel um die Macht. Sein Sohn Sergei berichtet:

Es war sehr gefährlich, in einer sowjetischen Familie über Stalin zu sprechen, doch hundert Mal gefährlicher war das auf unserer ebene, mein Vater sagte einmal zu mir: hier das ist das Kremltelefon, wenn es klingelt und du dran gehst und es ist die Sekretärin Stalins, dann darfst du nichts mehr sagen, kein Wort. Nur: ja ich werde meinen Vater finden. Er hatte Angst.

In den Moskauer Jahren vor Stalins Tod wurde Chruschtschow regelmässig am Abend in dessen Datscha eingeladen.

Stalin war einsam. es gab nur eine kleine Runde, vier oder fünf Vertraute, die er fast jeden Abend einlud, Einladen ist wohl das falsche Wort, er befahl sie in seine Datscha ausserhalb Moskaus, stopfte sie voll mit Essen und füllte sie ab mit Alkohol und das dauerte bis in die Morgenstunden. Erst wenn sie betrunken und erschöpft waren, liess er sie gehen.

Es waren fünf oder sechs einsame Männer, die jeden Abend am selben Tisch sassen und die gleichen Sachen erzählten und versuchten, Witze miteinander zu machen. Manchmal sagte Stalin: tanzt. Sie tanzten, Männer mit Männern. Man musste immer aufpassen, auf alles vorbereitet sein. Man wusste nie, wo es von dort hin ging, direkt ins Gefängnis?

Josef Stalin starb im März 1953. Er regierte so lang wie kein anderer sowjetischer Führer. Nun begann der Kampf um seine Nachfolge. Es waren drei Persönlichkeiten, die eine Chance hatten: Georgi Malenkow, Stellvertreter Stalins fühlte sich als Sekretär des Zentralkomitees und nun auch Ministerpräsident als bester Nachfolger. Lawrenti Beria, hatte als Innenminister und Sicherheitschef die grösste Macht. Ihm unterstand der gesamte Polizei-, Geheimdienst- und Justizapparat. Wie Stalin konnte Beria versuchen, seine Rivalen physisch auszuschalten. Doch es war Nikita Chruschtschow, der sich durchsetzte. Es zahlte sich aus, dass er sich mit allen Menschen der Führungsebene gut verstand.

Die Regierungszeit von Chruschtschow

1956 lud Chruschtschow zum XX. Parteitag. Die sowjetische Führung zeigte sich in neuer Zusammensetzung: Beria fehlte, der Geheimdienst-Chef wurde ausgeschaltet und hingerichtet Malenkow in den Hintergrund gedrängt. Der neue Mann hiess Nikita Chruschtschow.

chru collage

Zum ersten Mal gab ein sowjetischer Führer Fehler zu. Chruschtschow entschuldigte sich für die Verbrechen Stalins (Entstalinisierung). Es war für ihn wie eine Beichte in der Kirche. Danach konnte man versuchen, es neu und besser zu beginnen. Für die Jungen war das ein gutes Signal, die alte Garde, die noch stark im Stalinismus verankert war, fühlte sich verraten.

Chruschtschow strebte einen Kommunismus mit menschlichem Antlitz an. Die Werktätigen sollten ihren Teil bekommen. Arbeiter bekamen Wohnungen. Das gab es unter Stalin nie.

Doch Chruschtschows Regierungszeit begann mit grossen Herausforderungen. Vordringlich waren dies:

  • Den Hunger zu bekämpfen, Landwirtschaft zu fördern und mehr Nahrung zu produzieren
  • Die Wirtschaft zu fördern, um das Land mit Alltagsprodukten zu versorgen (nicht nur die Schwerindustrie für Rüstungsgüter wie unter Stalin).
  • Die Situation mit den Gulags (Straflagern) und den Millionen Gefangenen zu lösen

Bekämpfung des Hungers

Als erstes musste ist die Ernährung der Sowjetbevölkerung sichergestellt werden. Dazu wurde die Jugend aufgerufen, neue Gebiete der Sowjetunion urbar zu machen. Studenten erhalten ihre Einberufung zum Einsatz im Neuland in den Steppen Kasachstans und Sibiriens, sie verpflichten sich für zwei Jahre zur landwirtschaftlichen Arbeit. Um sie möglichst dauerhaft dort anzusiedeln, mussten die Jugendlichen ihren ganzen Hausrat mitbringen.

Zuerst wurden Zeltlager in den Neulandgebieten errichtet. Die starken Regenfälle überfluteten die Steppe und verwandelten alles in einen Sumpf. Klimatisch waren es nicht die besten Gebiete, die für die Landwirtschaft solcher Art erschlossen werden sollen.

Lastwagen-Kolonnen brachten Maschinen und Baumaterialien, damit die Zelte durch feste Häuser ersetzt werden konnten.

Um die Besiedlung der neuen Gebiete weiterzutreiben wurden den Jungen Mädchen nachgeschickt. Die jungen Leute sollen heiraten und sich dauerhaft hier niederlassen.

Anfangs schien der Steppenboden fruchtbar zu sein, die ersten Ernteerträge sind hoch. Doch bald zeigte sich, dass die Erde für den Getreideanbau wenig geeignet war und der Boden bald ausgelaugt war. Alle Appelle Chruschtschows an die Jugendlichen, mehr zu arbeiten, nützten nichts.

Förderung der Wirtschaft

Unter Stalin wurde fast nur die Schwerindustrie ausgebaut. Rüstungsgüter hatten absoluten Vorrang.

Chruschtschow begann die Konsumgüter-Industrie zu fördern. Der Lebensstandard der sowjetischen Bevölkerung musste gehoben werden.

Ein Teil der Produktion soll der Bevölkerung zugutekommen. Chruschtschow beginnt das Planungssystem zu reformieren: Die Fabriken sollen selbstständiger wirtschaften, sich nach Angebot und Nachfrage richten. Um die Arbeitsmoral zu heben und die Qualität der Produkte zu verbessern, sollten Gewinne als Prämien an die Arbeitnehmer weitergegeben werden.

Unermüdlich predigt Chruschtschow seine Reformideen, doch er stösst weitgehend auf Unverständnis und Unvermögen.

Konsumgüter der gehobeneren Art wie Autos gibt es nur für privilegierte Funktionäre. Noch fehlt die Serienfertigung, erst unter Chruschtschow wird mit dem italienischen Fiatwerken. Die Errichtung eines grossen modernen Autowerkes wurde vereinbart. Doch dessen Produktion konnte erst in den 60er Jahren anlaufen. Die Wartefrist für ein Auto betrug Jahre.

Wohnungswesen

Unter Stalin weitgehend vernachlässigt war auch das Wohnungswesen: fünf Quadratmeter pro Person ist die amtliche Zuteilung an Wohnraum. Chruschtschow will auch da aufholen. Fertigteilfabriken sollen den Bau tausender Wohnhäuser ermöglichen. Chruschtschow feiert dies als grossen Fortschritt, doch auch der Wohnungsbau vom Fliessband hält mit dem Zuzug in die Städte kaum Schritt.

Archipel Gulag – die vielen Straflager

Das schlimmste Erbe der Stalinzeit aber sind die Zwangsarbeitslager. Rund 500 waren es am Höhepunkt der Verfolgungen. Wie ein Archipel waren sie über die gesamte Sowjetunion verstreut mit rund 12 bis 14 Millionen Insassen, von denen viele starben, doch wurden sie rasch wieder ersetzt durch neue Häftlinge.

Alexander Solschenizyn er war ein solcher Häftling. Unter Chruschtschow wurde Solschenizyn entlassen und mit ausdrücklicher Erlaubnis Chruschtschows darf er über die Zustände im Gulag schreiben. Seine Novelle mit dem Titel «Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch» (Один день Ивана Денисовича) wird 1962 veröffentlicht. Es ist ein Tatsachenbericht, wie ein Tag und jeder Tag im Gulag verläuft. Der Bericht ist nicht nur in der Sowjetunion eine Sensation, das Buch erscheint bald in allen Weltsprachen.

Nach dem Sturz Chruschtschows wird Solschenizyn ausgebürgert und ins Exil getrieben werden.

Schriftsteller und Künstler – kulturelle Entspannung

Auch andere Autoren und Künstler tauchen wieder auf, so der beliebte Dichter Jewgenij Jewtuschenko, mit seinem berühmten Gedicht Stalins Erben oder Meinst du, die Russen wollen Krieg? Vor allem die Jugend liebt seine Lyrik und strömt zu Tausenden in die Vorlesungen.

Auch Werke der Lyrikerinnen Marina Zwetajewa und Anna Achmatowa dürfen wieder verbreitet werden.

Dmitri Schostakowitsch, dessen Musik den stalinistischen Kultur-Wächtern missfielen, kann wieder gespielt werden.

Auch Aram Chatschaturjans geniesst wieder uneingeschränktes Ansehen. Ein Jahr nach Stalins Tod wird sein neuestes Werk Das Ballet Spartakus uraufgeführt.

Tauwetter gibt es auch in der darstellenden Kunst, es sind nun nicht mehr nur Werke des sozialistischen Realismus zugelassen. Hier aber zeigte sich, wie stark der persönliche Kunstgeschmack von Chruschtschow dann doch gewissen Stilrichtungen Grenzen setzte. Moderne Bilder gefallen ihm nicht, zu grosse Freiheit störe die sozialistische Ordnung.

Chruschtschow lässt Bilder bringen, die er als schlecht oder schädlich hält, stellt sie an den Pranger macht sie zum Gespött: ein Esel könne mit seinem Schwanz besser malen, meint Chruschtschow, westliche Dekadenz spreche aus diesen Bildern.

1957 wurden Jugendliche aus der Ganzen Welt in die Sowjetunion eingeladen. Musik, Tanz, Theater und Film wurden Ausgetauscht. Dies war der Ausdruck der Öffnung im Inneren mit grösserer kultureller Freiheit.

Öffnung gegen aussen: Friedliche Koexistenz, auf Augenhöhe mit dem Ausland zu sein

Technische Erfolge

Dass die Sowjetunion als erstes einen bemannten Raumflug machte, schockte die USA. Es war eine Niederlage des Westens, dass Gagarin als erster Mensch im Weltall war und heil wieder zurück auf die Erde kam.

Problempunkt DDR

Die DDR verschlang eine Unsumme von Geldmitteln. Dies wollte Chruschtschow ändern.

Besuch in den USA

Chruschtschow wurde 1959 als erster sowjetischer Führer in die USA eingeladen. Präsident Eisenhower wollte ihm zeigen, wie grossartig die Vereinigten Staaten waren.

Der Besuch war ein kontinuierlicher Schlagabtausch und endete in einer Katastrophe.

Zuspitzung der Spannungen in der Kuba-Krise

1959 erlangte Fidel Castro in Kuba die Macht. Während dieser anfangs noch versuchte, mit den USA eine Einigung zu finden, kehrte er ihr aber bald enttäuscht den Rücken und suchte in Russland seinen Verbündeten. Chruschtschow sprang ein und half. Mehr als das: Er lieferte Raketen, welche gegen die USA gerichtet werden sollten.

1961 verlor Eisenhower die Präsidentschaftswahlen gegen Kennedy. Im selben Jahr zündeten die Sowjetunion die grösste je gebaute Atom-Bombe: Die Zar-Bombe. Sie war rund 4000-Mal stärker als die Hiroshima-Bombe.