Der Vietnamkrieg (1946 – 1975)

Der Vietnamkrieg wurzelt in der Kolonisierung Vietnams durch Frankreich im 19. Jahrhundert.

Vorgeschichte des Vietnamkrieges

Unter Napoleon III. haben die Franzosen 1856 begonnen, Indochina (Vietnam, Kambodscha und Laos) zu erobern und zu kolonisieren. Indochina war für die Franzosen eine einträgliche Kolonie, vor allem Kautschuk und Kohle waren gewinnbringend. Die vietnamesischen Arbeiter aber wurdeHo Chi Minh Vietnamkriegn mit Hungerlöhnen klein gehalten. Unruhen oder nationalistische Aufstände wurden von der Fremdenlegion oder der Kolonialtruppe erbarmungslos niedergeschlagen.

Während des Zweiten Weltkriegs breiteten sich die Japaner in Asien aus und kontrollierten zusammen mit den Franzosen auch Indochina. Vietnamesische Partisanen im Norden versuchten aber nun, sich durch Überfälle von ihren Kolonialherren zu befreien. Nach der Kapitulation Japans gewann Ho Chi Minh als Befreier Vietnams an Bedeutung.

Die drei Phasen des Vietnamkriegs

Der Vietnamkrieg war der längte Krieg des letzten Jahrhunderts. Er begann 1946 und endete 1975. Der Krieg lässt sich in drei Phasen einteilen: In die

  • französische,
  • amerikanische und
  • vietnamesische Phase.

Die französische Phase (erster Indochinakrieg)

Schon im Jahr 1945 kam die französische Armee nach Vietnam. Sie bekämpfte zuerst im Süden in kleinen Aktionen die Rebellen der Vietminh, was aber nicht gelang. 1946 fuhren die Franzosen wieder in den Norden und konnten ohne grosse Mühe Haiphong und dann auch Hanoi wieder zurückgewinnen. Die französische Armee tolerierte am Anfang die Existenz der Vietminh-Freiheitskämpfer.

Ende 1946, nach einigen blutigen Anschlägen, kam es zum offenen Konflikt: Die französische Artillerie legte die Hafenstadt Haiphong in Schutt und Asche. Mehr als 6‘000 Zivilisten kamen dabei ums Leben (Haiphong-Zwischenfall). Auch Hanoi und andere strategisch wichtige Orte wurden militärisch besetzt. Dies gilt als der Beginn des ersten Indochinakrieges.
Ho Chi Minh wich in unwegsame Gebirgsgebiete im Westen von Hanoi aus und begann von dort, seinen Widerstand gegen die Besatzer zu koordinieren, dort wurden die ersten einfachen Waffen für den Widerstand fabriziert.

Das kommunistische China hilft den Vietminh

mao zedong vietnamkriegAls 1949 die Kommunisten den Bürgerkrieg in China gewannen und Mao Zedong die kommunistische Volksrepublik China ausrief, erhielt Ho Chi Minh einen starken Verbündeten in seinem Kampf. China versorgte die Vietminh mit Waffen und bildete die Rebellen aus. Das verschob die Kräfteverhältnisse im Vietnamkrieg.

Mit chinesischer Hilfe umzingelten die Vietminh die von den Franzosen gehaltenen Stützpunkte und vertrieben sie erfolgreich. Der Vietminh breitete sich bis 1953 in ganz Vietnam aus und kontrollierte neben dem Norden auch ländliche Gebiete im Süden.

Dien Bien Phu – Die Wende für die Franzosen

dien bien phu vietnamkrieg1953 richteten die Franzosen in Dien Bien Phu, einem breiten Tal im unwegsamen Bergland an der Grenze zwischen Nordvietnam und dem nördlichen Laos, eine Garnison mit 16‘000 Mann ein. Von Dien Bien Phu aus sollte die Grenzregion zwischen den beiden Ländern überwacht werden. Denn die Vietminh unterstützte die Befreiungsbewegung in Laos und versorgte sie mit Waffen. Der französische Kommandant erhoffte sich, die Vietminh dort in verlustreiche Kämpfe verwickeln zu können. Doch es kam anders: Insgeheim haben die Widerstandskämpfer auf den Anhöhen rund um das Lager schwere Waffen in Stellung gebracht. Im März 1954 erfolgte der Angriff in mehreren Wellen, bis die französische Einheit besiegt war. Damit war Frankreich in Vietnam endgültig geschlagen.

In der Genfer Konferenz wurde ein Waffenstillstand zwischen Frankreich und den Vietminh vereinbart. Frankreich und seine Verbündeten mussten sich in den Süden zurückziehen, die Vietminh hielten den Norden des Landes. Der 17. Breitengrad wurde als Grenze festgelegt. Es wurden weiter gesamtvietnamesische Wahlen zur Wiedervereinigung für 1956 festgelegt, dann sollte Frankreich definitiv aus Vietnam abziehen.

Die amerikanische Phase (Vietnamkrieg 1965 – 1973)

Im Süden bestand die Republik Vietnam unter der Führung von dem durch die USA unterstützen Regierungschef Ngo Dinh Diem und im Norden die Demokratische Republik Vietnam unter dem Führer der Vietminh Ho Chi Minh.

Ngo Dinh Diem Vietnamkrieg1955 fällte der US-Präsident Eisenhower eine folgenschwere Entscheidung: Die USA erklärten sich zur neuen Schutzmacht von Südvietnam. Mit ihrer Unterstützung errichtete der Regierungschef Ngo Dinh Diem eine autoritäre Herrschaft in Südvietnam. Er unterdrückte jede Art von Opposition, baute eine starke Armee auf und holte zahlreiche amerikanische Militärberater ins Land.

Die von der Genfer Konferenz festgelegten Wahlen 1956 scheiterten am Staatschef Diem, er sagte, dass die Meinungsfreiheit im Norden nicht gewährleistet sei, und dass man mit Wahlfälschung rechnen müsse.

Der wahre Grund jedoch, warum er diese Wahlen nicht zulassen wollte, lag darin, dass die Vietminh sich wieder stark verbreitet hatte und viele Anhänger vor allem in der bäuerlichen Bevölkerung gefunden hatte. Er hätte die Wahlen mit Sicherheit verloren, seine diktatorische Regierung hatte nur sehr wenig Anhänger in der Bevölkerung.

Der Hoh Chi Minh Pfad

ho chi minh pfad vietnamkriegAus dem Norden eingewanderte Kämpfer der Vietminh gingen gegen Diems Regime und auch gegen amerikanische Militäreinrichtungen vor. Nachschub und Waffen bekamen die Guerillakämpfer über den Ho-Chi-Minh-Pfad, ein gesichertes Netz von Strassen, Urwaldwegen und Flüssen, die von Nord-Vietnam in den Süden führten.

Aus den in den Süden eingewanderten Vietminh entstand 1960 die Nationale Front für die Befreiung Südvietnams (Vietcong). Sie hatte bereits weite Gebiete unter ihrer Kontrolle und begann mit dem Aufbau einer eigenen Verwaltung. Die südvietnamesischen Regierungstruppen mussten sich immer weiter zurückziehen.

Chemische Kampfmittel

agent orange vietnamkrieg1962 begann die US-Airforce, nach persönlichem Befehl von John F. Kennedy, chemische Kampfmittel zur Entlaubung von Wäldern einzusetzen, damit der Vietcong keine Deckung im Wald bekam, und zur Zerstörung der Ernten. Die stark dioxinhaltigen und auch für Menschen hochgiftigen Herbizide trugen die Namen Agent Orange, Agent Blue oder Agent White aufgrund der farbigen Markierung auf den Fässern. Noch heute, drei Generationen nach dem Einsatz von Agent Orange, leidet etwa eine Million Vietnamesen an den Spätfolgen wie Fehlbildungen bei Neugeborenen und Immunschwächen.

1963 wurde Diem durch einen Militärputsch gestürzt und von seinen eigenen Offizieren hingerichtet. Die Amerikaner wollten ihn nicht mehr schützen und ermutigten die Offiziere sogar zu dem Putsch. Diese merkwürdige Entscheidung von Kennedy führte zur weiteren Destabilisierung des sensiblen Gleichgewichts in Südvietnam.

Im November 1963 wurde J. F. Kennedy ermordet und sein Vize-Präsident Lyndon B. Johnson übernahm.

Der vorgetäuschte Tongkin-Zwischenfall

Der „Tongkin-Zwischenfall“, bei dem im August 1964 zwei amerikanische Kriegsschiffe von vietnamesischen Torpedobooten im Golf von Tongkin angegriffen worden sein sollen, löste den Krieg zwischen den USA und Vietnam aus. Heute wissen wir, dass der NSA diesen Vorfall konstruiert hatte, um den Krieg auszulösen. Der US-Präsident L. B. Johnson zweifelte zwar an den Berichten, beantragte aber beim Senat die Generalvollmacht für den Einsatz der amerikanischen Truppen in Vietnam.

Zuerst begann Präsident Johnson mit der systematischen Bombardierung strategischer und wirtschaftlicher Ziele in Nordvietnam sowie des Ho-Chi-Minh-Pfades, um die Versorgung des Vietcongs abzuschneiden. Im Frühjahr 1965 begannen die USA, in Vietnam auch Bodentruppen einzusetzen. Damit begann der amerikanische Vietnamkrieg.

Ungenügende Kenntnisse und Vorbereitung der USA

Eigentlich wussten die USA nicht, auf was sie sich bei diesem Krieg einliessen. Sie kannten weder Geographie, Klima, Sprache noch die Kultur Vietnams. Zudem war es den GIs fast unmöglich, die Vietcong-Kämpfer von den zivilen Vietnamesen zu unterscheiden.

Die Taktik der Armeeführung setzte auf Erfahrungen, die im zweiten Weltkrieg und in Korea gemacht worden sind. Zuerst den Angriffen standhalten, dann in die Offensive zu gehen, danach soll der Krieg gewonnen werden. Der Vietnamkrieg wurde zu Beginn als eine Art Polizeiübung gegen einen viertklassigen Gegner angeschaut.

Search and Destroy

Bei unzähligen Einsätzen wurde nur zu oft die Zivilbevölkerung getroffen, während die Vietcong-Kämpfer sich in den Schutz der Wälder zurückziehen können. Um dem Vietcong den Unterschlupf zu erschweren, brannten die amerikanischen Soldaten ganze Dörfer ab. Der amerikanische General wich nicht von seiner „Abnützungsstrategie“ ab, auch als die gefallenen GIs rasant ansteigen. Sein Befehl lautete: Search and destroy.

Im Süden gingen die USA gezielt gegen die Vietcong-Partisanen vor; doch auch durch den Einsatz von der Luftwaffe, grossflächigen Bombardierungen mit dem klebrigen Brennstoff Napalm und dem Einsatz von Entlaubungsmitteln wie Agent Orange, gelang es ihnen nicht, den meist im Untergrund operierenden Vietcong zu besiegen.

Skepsis – Widerstand – Ablehnung – Schrecken

Aufgrund der Berichterstattung erwuchs in den USA und auch in der übrigen Welt die Forderung, den brutalen und sinnlosen Krieg zu beenden. Mehr und mehr wurde vielen Menschen klar, dass der Krieg in Vietnam für keine der beiden Seiten zu gewinnen war. Es wurden vor allem die Bombenabwürfe auf Zivilisten, der Einsatz von chemischen Waffen und die zahllosen Angriffe auf die Zivilbevölkerung kritisiert.

Die nordvietnamesischen Truppen und der Vietcong griffen im Januar 1968 in der so genannten Tet-Offensive (1968) zahlreiche Städte völlig überraschend an. Die Offensive war zwar nicht erfolgreich, demonstrierte aber die grosse Macht Nordvietnams, obwohl die USA mittlerweile über eine halbe Million Soldaten in Vietnam stationiert hatten.

Massaker von My Lai

Das Massaker von My Lai (1968) schockierte die Welt: In einem Dorf haben 22 US-Soldaten 504 Vietnamesen ermordet. Die meisten unter ihnen waren Frauen, Kinder und alte Menschen.
Präsident Johnson liess die Luftangriffe auf Nordvietnam vorerst stoppen und bot Verhandlungen an. Dies war auch die wichtigste Bedingung zur Aufnahme von Waffenstillstandsverhandlungen in Paris, welche aber erfolglos blieben.

1969 wurde Richard Nixon Präsident der USA. Er hatte vor, die amerikanische Armee in Vietnam zu verkleinern und sie durch eine Vergrösserung der südvietnamesischen Armee zu ersetzen. Die politische Einstellung zum Krieg schien sich zu ändern, trotzdem wurde der Krieg noch vier weitere Jahre fortgeführt.

1972 legten sich Präsident Nixon und der Vietcong Friedenspläne vor, wiederum führten die Verhandlungen nicht weiter und wurden bald schon wieder abgebrochen.

Ernsthafte Friedensverhandlungen

Eine Woche danach startete die nordvietnamesische Armee eine erfolgreiche Offensive bis zur Provinz Quang Tri. Die US-Armee antwortete darauf zwar mit verheerenden Bombenangriffen auf Nordvietnam, aber sie war bereits daran, die Macht an die Armee Südvietnams abzugeben.
Ende 1972 gab es bei den Friedensverhandlungen von Henry Kissinger und dem nordvietna-mesischen Botschafter eine erstmalige Chance auf Frieden. Beide waren bereit, Einbussen zu akzeptieren und über die Zukunft Nord- und Südvietnams zu sprechen. Diese Verhandlungen endeten im Dezember 1972.

Im Januar 1973 kam es durch ein Waffenstillstandsabkommen endlich zum Frieden zwischen den USA und Nordvietnam. Es wurde festgelegt, dass alle US-Truppen abgezogen werden, jedoch noch 145‘000 nordvietnamesische Truppen in Südvietnam bleiben. Die USA sicherten Südvietnam jedoch weiterhin wirtschaftliche und militärtechnische Hilfe beim Aufbau des Heeres zu.

Ausserdem wurde vereinbart, dass ein „Nationaler Versöhnungsrat“ aus Vertretern der Saigoner Regierung allgemeine Wahlen in Südvietnam durchführen sollte, jedoch bleiben die Verhandlungen ergebnislos.

Die vietnamesische Phase (der Bürgerkrieg)

Die Regierung von Saigon und die kommunistischen Truppen, welche mit dem Waffenstillstand nicht einverstanden waren, versuchten in der Folge, die von ihnen kontrollierten Gebiete mit Waffengewalt zu vergrössern, was die dritte Phase des Vietnamkrieges, den Bürgerkrieg einleitete.

Weil USA ihre finanzielle Hilfe eingestellt hatten, mussten sich die südvietnamesischen Regierungstruppen zurückziehen und lösten sich auf. 1975 trat der südvietnamesische Präsident schliesslich zurück und Saigon wurde von den Einheiten des Vietcong besetzt. Südvietnam musste kapitulieren. Damit war der längste Krieg der amerikanischen Geschichte beendet.

Die Sozialistische Republik Vietnam

Mit dem Ende des Krieges entstand 1976 der gesamtvietnamesische Staat, die „Sozialistische Republik Vietnam“. Menschen aus Südvietnam mussten in der Folge um ihrboat people Vietnamkriege Freiheit oder gar um ihr Leben fürchten. In „Umerziehungslagern“ wurden 100‘000e Kollaborateure gefoltert, vergewaltigt, verrichteten Sklavenarbeit. Viele starben dabei.

Die Furcht vor der Verschleppung in ein solches Lager löste eine Flüchtlingswelle aus. In baufälligen Booten verliessen sie das Land über das Südchinesische Meer. Deswegen wurden diese Flüchtlinge boat people genannt.

Bilanz des Vietnamkriegs

Kriegstote

  • 900‘000 nordvietnamesische Soldaten
  • 185‘000 südvietnamesische Soldaten
  • 58‘000 amerikanische Soldaten
  • 2‘000‘000 vietnamesische Zivilisten

Kriegsschäden durch Bombardierung, Entlaubung usw.: ca. 200 Mrd. Dollar.

Grundsätzlich war der Vietnamkrieg der erste Krieg, den die USA verloren haben. Sie haben den Gegner unterschätzt und sich denkbar wenig auf die Gegebenheiten vorbereitet.

Zudem löste der Vietnamkrieg nicht nur in den USA, sondern auf der ganzen Welt eine Welle der Empörung gegen die USA aus. Daraus ist bis heute eine Skepsis geblieben gegenüber den Einsätzen der Vereinigten Staaten.

Im Vietnamkrieg wurden Kriegsverbrechen begangen, die noch heute schockieren.