Karl Marx – Das Kapital – Zusammenfassung

Wissenschaftliche Kritik des Kapitalismus

Karl Marx 1857

Das Kapital ist das wissenschaftliche Hauptwerk des Ökonomen und Philosophen Karl Marx. Es ist kein Aufruf zur Revolution, sondern eine umfangreiche, systematische und detailreiche Analyse und „Kritik der politischen Ökonomie“, so der Untertitel. Marx arbeitete allein am ersten Band ganze 15 Jahre.

Marx versucht in seiner langen Abhandlung hinter die versteckten Funktionsweisen des Kapitalismus zu kommen. Über die Begriffe Ware, Tauschwert und Gebrauchswert kommt er zu seiner Arbeitswertlehre. Marx sagt: Eine Ware ist so viel wert wie die darin „geronnene“ Arbeitszeit. Der Arbeiter muss, da er keine Produktionsmittel besitzt, seine Arbeitskraft verkaufen, und zwar an die Kapitalisten, welche Maschinen und andere Produktionsmittel besitzen. Der Kapitalist will seine Waren nicht verkaufen, um andere Waren erwerben zu können, sondern um Geld zu verdienen. Das „geldheckende Geld“, der kapitalistische Akkumulationsprozess, steht im Zentrum der Marxschen Kritik.

Merkpunkte

Das Kapital ist das Hauptwerk von Karl Marx. Es wurde 1867 veröffentlicht und ist eines der berühmtesten und umstrittensten Bücher der Welt. Es zeichnet die Funktionsweise des damaligen Wirtschaftssystems detailliert auf und bildet die wissenschaftliche Basis von Marx’ Kapitalismuskritik.

  • Die Grundlage des kapitalistischen Systems ist die Ware.
  • Jede Ware hat einen Gebrauchswert (Nützlichkeit) und einen Tauschwert (relativer Wert im Vergleich zu anderen Waren).
  • Der Wert einer Ware lässt sich ausserdem durch die für ihre Herstellung benötigte Arbeit bzw. Arbeitszeit bemessen.
  • Die Produktivkraft der Arbeit schwankt je nach technischem Stand, Rohstoffangebot, Geschicklichkeit der Arbeiter und anderen Faktoren.
  • Geld erleichtert den Warenaustausch: Als Münze kann es noch Äquivalent des Warenwertes sein, als Papiergeld ist es abstrakte Verkörperung des Tauschwertes.
  • Normalerweise wird Ware gegen Geld und dieses wieder gegen Ware getauscht. Der Kapitalist macht es umgekehrt: Er tauscht Geld gegen Ware und diese wieder gegen Geld – mehr Geld.
  • Dem Kapitalisten kommt es vor allem auf den Mehrwert an. Geschaffen wird dieser durch die Arbeitskraft der Arbeiter.
  • Sie erarbeiten einen Gebrauchswert, der höher ist als der Tauschwert ihrer Arbeitskraft: Hieraus zieht der Kapitalist den Profit – meist zum Nachteil des Arbeiters.
  • Der Arbeiter muss seine Arbeitskraft verkaufen, weil er nicht im Besitz von Produktionsmitteln ist. Denn diese wurden der Arbeiterklasse in historischen Klassenkämpfen immer wieder streitig gemacht.

Die Theorie von Karl Marx übte auf den Verlauf des 20. Jahrhunderts einen so starken Einfluss aus wie keine andere.

Zusammenfassung des Werkes

Die Ware und ihr Wert

Waren sind der Grund des Reichtums in kapitalistischen Gesellschaften. Sie können Bedürfnisse befriedigen, entweder direkt (wie Nahrung oder Kleidung) oder indirekt (wie Maschinen zur Herstellung von Waren).

Jede Ware hat naturgemäss zwei Arten von Wert:

  • Der Gebrauchswert ist ein Mass für die Nützlichkeit einer Ware. Er haftet sozusagen an der individuellen Ware, kann also nicht losgelöst von ihr betrachtet werden. Der Gebrauchswert ist dabei vom investierten Arbeitsaufwand völlig unabhängig, der Käufer einer Tonne Stahl interessiert sich überhaupt nicht dafür, wie gross die Arbeit war, um diesen Stahl zu herzustellen.
  • Der Tauschwert einer Ware ist der Wert verglichen mit dem Wert anderer Waren. So kann der Wert eines Brotlaibes dem Wert von 200 Gramm Butter entsprechen.

Damit man verschiedene Waren miteinander vergleichen kann, müssen sie etwas enthalten, das bei allen identisch ist. Was also haben eine Tonne Stahl und ein Ballen Weizenmehl gemeinsam? Es ist die für ihre Herstellung verwendete Arbeit. Sie weist der Ware ihren Wert zu, mehr noch: Sie erzeugt daraus einen Wert. Der Wert der Ware lässt sich also durch die Arbeit und diese durch die verwendete Arbeitszeit bemessen. Dabei betrachtet man anspruchsvollere, komplexe Arbeiten als multiplizierte einfache Arbeiten. Von der simplen Tätigkeit ausgehend lässt sich auf diese Weise jede noch so komplexe Arbeit erfassen.

Produktivkraft der Arbeit

Die Produktivkraft der Arbeit kann sehr unterschiedlich sein: Je nach Naturverhältnissen, gesellschaftlicher Organisationsstufe, technischem Stand, wissenschaftlicher Forschung und Geschicklichkeit der Arbeiter kann mit einer Stunde Arbeit mehr oder weniger Warenmenge erzeugt werden. Diamanten zu finden ist mühsam und zeitaufwändig. Wenn man nun plötzlich auf eine reichhaltige Diamantenmine träfe, würde sich die Produktivkraft der Arbeit immens steigern lassen: ganz einfach deshalb, weil man nicht so lange graben müsste, um eine bestimmte Menge der begehrten Edelsteine zu finden. Ähnlich ist es mit technischen Entwicklungen: Der Fortschritt beflügelt die Produktivkraft der Arbeit, weil dank Erfindungen, Maschinen usw. in kürzerer Zeit mehr Waren hergestellt werden können.

Es gibt Güter, die zwar einen Gebrauchswert haben, aber trotzdem nicht als Waren bezeichnet werden können. Meist handelt es sich dabei um Güter, die vor allem zum eigenen Gebrauch hergestellt werden. Um Ware zu sein, müssen sie aber einen gesellschaftlichen Gebrauchswert haben, also handelbar sein. Wert hat nur ein Gebrauchsgegenstand. Ist ein Gut nutzlos, ist es auch wertlos.

Das Geld und der Fetischcharakter der Ware

Der Austausch von Waren wurde in der Geschichte der Menschheit schnell stark vereinfacht, indem allgemeine Äquivalenzformen verwendet wurden: Muscheln, Tiere oder Edelmetalle als Tauschmittel. Münzen aus Edelmetallen sind besonders beliebt: Sie sind leicht in verschiedene Mengen unterteilbar und besitzen selbst genügend Wert, um jederzeit als Ersatz für andere Güter akzeptiert zu werden. Allerdings hat der Warenwert des Geldes mehr und mehr an Bedeutung verloren; Geld wurde zu einer abstrakten Verkörperung des Tauschwertes: Das Papiergeld war geboren, dessen materieller Wert, anders als beim Münzgeld, überhaupt nichts mehr mit seiner Funktion als Wertmesser zu tun hat.

Die Ware wurde für die Menschen zum Fetisch: Sie verselbstständigte sich und erhielt eine mysteriöse Aura. Der Grund: Der einzelne Mensch, der eine Ware oder Geld gegen eine andere Ware tauscht, ist nicht mehr direkt mit der darin „geronnenen“ Arbeitszeit verbunden. Für einen Leibeigenen aus dem Mittelalter, der im Grunde genommen nur das verzehrte und besass, was er selbst produzierte, konnte das Produkt seiner Arbeit noch kein Fetisch sein. Der Fetischcharakter (etwa Verehrungswürdigkeit) der Ware besteht erst, seit es überhaupt Waren, also innerhalb der Gesellschaft ausgetauschte Güter, gibt.

Waren- und Geldkreislauf

Bei der Zirkulation von Waren bilden sich Preise heraus. Preise sind ein Mass für die in den Waren gebundene Arbeit. Allerdings können die Preise durchaus zu hoch oder zu niedrig sein. Die eigentliche Warenzirkulation geschieht, indem Waren mittels Geld gegeneinander ausgetauscht werden: Beispielsweise verkauft ein Weber das Produkt seiner Arbeit und erhält dafür eine gewisse Menge Geld. Von diesem Geld kauft er nun beispielsweise eine Bibel zur häuslichen Erbauung. Er tauscht also sein Geld gegen eine Ware und damit gegen die Arbeit anderer. Die Zirkulation verläuft folglich nach dem Prinzip

Ware –> Geld –> Ware

oder anders gesagt: Der Arbeiter tauscht ein selbst verfertigtes Stück Arbeit gegen ein fremdgefertigtes Stück Arbeit.

Doch es gibt noch einen anderen Kreislauf. Dann nämlich, wenn Geld nicht mehr die Rolle des Mittelsmannes, sondern diejenige der Hauptperson spielt: Das Prinzip

Geld –> Ware –> Geld

beschreibt die Geburt des Kapitals. Ware wird nicht gekauft, weil sie einen Gebrauchswert darstellt, sondern sie wird gekauft, um sie zu verkaufen – und mehr Kapital anzusammeln. Hier kommt es also nicht auf den Gebrauchswert, sondern auf den Tauschwert an, oder besser gesagt: auf den Mehrwert, um den sich das Kapital vergrössert. Wohin führt dieser Prozess? Zu immer mehr Kapital: mehr Geld –> Ware –> noch mehr Geld usw. Der Warenkreislauf hat den Endzweck, Bedürfnisse zu befriedigen. Der Geldkreislauf – der freilich das Vorhandensein des Warenkreislaufs voraussetzt – ist dagegen reiner Selbstzweck. Der Geldbesitzer, der diesen Prozess steuert, ist der Kapitalist, dem es nur um ein einziges Prinzip geht: reicher und immer noch reicher zu werden.

Verkaufte Arbeitskraft

Woher aber kommt der Mehrwert? Wenn Waren und Geld ausgetauscht werden, gibt es zunächst nirgendwo in diesem Prozess eine unentdeckt gebliebene „Mehrwertfabrik“. Sie ist aber vorhanden, und zwar in einer ganz bestimmten Art von Ware: Es handelt sich um die Arbeitskraft des Arbeiters, die dieser wie eine Ware verkauft. Der Wert der Arbeitskraft bemisst sich nach den Aufwendungen, die der Arbeiter für seine Existenz benötigt. Diese sind – abgesehen von Nahrungsmitteln – historisch und kulturell verschieden, je nachdem, was in einer gegebenen Epoche und Kultur als Existenzminimum angesehen wird. Der Tauschwert der Arbeit, also der Lohn, den der Kapitalist dem Arbeiter für einen ganzen Tag seiner Arbeit zahlt, sichert nur dessen Existenzminimum. Der Gebrauchswert der Arbeit aber ist für ihren Käufer, den Kapitalisten, höher: Dieser Mehrwert kommt dem Kapitalisten zugute: Sein eingesetztes Geld verwandelt sich in Kapital.

Die Rohmaterialien und die Arbeitsmittel (Maschinen), die der Kapitalist im Produktionsprozess einsetzt, sind konstantes Kapital. Das bedeutet, dass sich ihr Wert während des Produktionsprozesses nicht verändert. Anders verhält es sich mit der Arbeitskraft: Sie erbringt den Wert, der dem Arbeiter als Lohn abgegolten wird, und noch einen Mehrwert darüber hinaus. Der in Form von Arbeitskraft umgesetzte Teil des Kapitals kann daher als variables Kapital bezeichnet werden.

Die Wissenschaft von der Ausbeutung des Arbeiters

Der Handel mit Arbeitskraft als Ware hat zur Folge, dass der Arbeiter am Ende des Tages statt eines selbst verfertigten Produkts lediglich das Geld in Händen hält, das ihm sein Arbeitgeber für die Überlassung seiner Arbeitskraft zahlt. Die Nähe zum erarbeiteten Gut geht verloren: Der Arbeiter entfremdet sich von seiner Arbeit, weil ihr Resultat nicht mehr ihm gehört, sondern dem Kapitalisten. Arbeit ist ein integraler Bestandteil der menschlichen Persönlichkeit. Doch insbesondere der Industriearbeiter, der spezialisierte, stupide Tätigkeiten ausführt, besitzt keinerlei Beziehung mehr zu seinem Werk. Warum aber muss der Arbeiter seine Arbeitskraft überhaupt verkaufen? In den meisten Fällen deswegen, weil er nicht im Besitz von Produktionsmitteln (z. B. Maschinen oder Rohmaterialien) ist, die er für eine selbstständige Verfertigung von Produkten benötigt. Denn diese befinden sich fast ausschliesslich in den Händen der Kapitalisten.

Aus der Formel „Mehrwert / notwendige Arbeit“ lässt sich die Rate des Mehrwerts ersehen; sie beschreibt den Grad der Ausbeutung des Arbeiters, der auf diese Weise um den Mehrwert seiner Arbeit gebracht wird. Jede Stunde, die der Arbeiter über die zur Selbsterhaltung notwendige Zeit hinaus beim Kapitalisten arbeitet, bringt nur dem Kapitalisten, nicht aber dem Arbeiter einen Wert. Der Kapitalist versucht natürlich, den Mehrwert zu steigern: indem er die Arbeitszeit ausdehnt (aus einem Zwölfstundentag beispielsweise einen Achtzehnstundentag macht) oder den Anteil der Mehrwertarbeitszeit an der gesamten Arbeitszeit erhöht. Dies gelingt dadurch, dass die Produktivität bei gleichbleibendem Lohn gesteigert wird.

Die Kapitalvermehrung

Der Kapitalist betreibt mit seinem Geld die Kapitalakkumulation (Anhäufung). Er reinvestiert einen Teil des Geldes, um damit weitere Produktionsmittel anzuschaffen. So kommt ein sich selbst verstärkender Prozess ins Rollen. Bei der intensiven Kapitalakkumulation wird die Arbeitsproduktivität massiv gesteigert, wie durch den technischen Fortschritt. Wächst die Bevölkerung gleichzeitig mit dieser Produktivitätssteigerung, kommt es zur Bildung einer «industriellen Reservearmee», einem Heer von Arbeitslosen. Der Kapitalist muss nur mit dem Finger schnippen, und schon sind neue Arbeiter in ihrem Elend bereit, sich für noch weniger Lohn anstellen zu lassen. So machen sich die Arbeiter gegenseitig Konkurrenz und der Kapitalist ist der Nutzniesser dieses Prozesses. In dem gleichen Masse, wie sich der Reichtum der Kapitalisten vermehrt, vergrössert sich das Elend der Arbeiterschaft. Der Arbeiter muss sich dem Gesetz der Maschine unterwerfen, seinen Arbeitstag verlängern oder verkürzen, umsiedeln oder andere Massnahmen ergreifen, damit der Kapitalist zufriedengestellt wird. Die Überbevölkerung macht es möglich, dass der Kapitalist stets auf genügend Arbeitswillige (bzw. zur Arbeit Gezwungene) trifft, die er aus der Reservearmee abschöpfen kann.

Klassenkämpfe zwischen Arbeiter und Kapitalisten

Das Verhältnis zwischen Kapitalisten und Arbeiter bezeichnet das Verhältnis der Arbeiter- und der Kapitalistenklasse, die seit Jahrhunderten um den Mehrwert der Arbeit kämpfen. Dieses Verhältnis ist seit jeher von Gewalt geprägt. Seine Wurzeln liegen in der mittelalterlichen Feudalgesellschaft. Erst nachdem diese aufgelöst und die ehemals Leibeigenen zu freien Menschen wurden, konnten sie ihre Arbeitskraft auf dem Markt anbieten. Oder besser: Sie wurden in die Lohnknechtschaft gestossen und geprügelt. Eine Welle der Enteignungen wogte durch die Länder, insbesondere in England: Erst wurden Bauern von ihrem Ackerland gedrängt, weil es als Weideland gebraucht wurde, dann konfiszierten königliche Günstlinge im Zuge der Reformation die Kirchengüter, die sie untereinander verschacherten. Das geringe Privateigentum in den Händen vieler wurde zum umfangreichen Privateigentum in den Händen weniger. Noch dazu wurden in den folgenden Jahrhunderten die Gewaltakte nachträglich gesetzlich legitimiert.

Das Elend der Massen führt letztlich zu Umstürzen

Doch irgendwann wird das Kapital an seiner eigenen Gewinnsucht zugrunde gehen. Die Kapitalisten werden immer mehr Maschinen und immer weniger Arbeiter für die Produktion verwenden. Das Elend der Massen wird wachsen, während sich das Kapital immer mehr auf immer weniger Kapitalisten konzentriert. Die Enteignung setzt sich so lange fort, bis die Zustände so unerträglich geworden sind, dass sie sich in einer Revolution entladen werden. Die Enteignung der Enteigner steht dann bevor.