Nachts schlafen die Ratten doch (Wolfgang Borchert 1947)

Kurzgeschichte von Wolfgang Borchert (1921 – 1947)

Das hohle Fenster in der vereinsamten Mauer gähnte blaurot voll früher Abendsonne. Staubgewölke flimmerte zwischen den steilgereckten Schornsteinresten. Die Schuttwüste döste.

Er hatte die Augen zu. Mit einmal wurde es noch dunkler. Er merkte, dass jemand gekommen war und nun vor ihm stand, dunkel, leise. Jetzt haben sie mich! dachte er. Aber als er ein bisschen blinzelte, sah er nur zwei etwas ärmlich behoste Beine. Die standen ziemlich krumm vor ihm, dass er zwischen ihnen hindurchsehen konnte. Er riskierte ein kleines Geblinzel an den Hosenbeinen hoch und erkannte einen älteren Mann. Der hatte ein Messer und einen Korb in der Hand. Und etwas Erde an den Fingerspitzen.

Du schläfst hier wohl, was? fragte der Mann und sah von oben auf das Haargestrüpp herunter. Jürgen blinzelte zwischen den Beinen des Mannes hindurch in die Sonne und sagte: Nein, ich schlafe nicht. Ich muss hier aufpassen. Der Mann nickte: So, dafür hast du wohl den grossen Stock da?

Ja, antwortete Jürgen mutig und hielt den Stock fest.

Worauf passt du denn auf? Das kann ich nicht sagen. Er hielt die Hände fest um den Stock.

Wohl auf Geld, was? Der Mann setzte den Korb ab und wischte das Messer an seinen Hosenbeinen hin und her.

Nein, auf Geld überhaupt nicht, sagte Jürgen verächtlich. Auf ganz etwas anderes. Na, was denn?

Ich kann es nicht sagen. Was anderes eben.

Na, denn nicht. Dann sage ich dir natürlich auch nicht, was ich hier im Korb habe. Der Mann stiess mit dem Fuss an den Korb und klappte das Messer zu.

Pah, kann mir denken, was in dem Korb ist, meinte Jürgen geringschätzig, Kaninchenfutter.

Donnerwetter, ja! sagte der Mann verwundert, bist ja ein fixer Kerl. Wie alt bist du denn?

Neun.

Oha, denk mal an, neun also. Dann weisst du ja auch, wie viel drei mal neun sind, wie?

Klar, sagte Jürgen, und um Zeit zu gewinnen, sagte er noch: Das ist ja ganz leicht. Und er sah durch die Beine des Mannes hindurch. Dreimal neun, nicht? fragte er noch einmal, siebenundzwanzig. Das wusste ich gleich.

Stimmt, sagte der Mann, und genau soviel Kaninchen habe ich. Jürgen machte einen runden Mund: Siebenundzwanzig?

Du kannst sie sehen. Viele sind noch ganz jung. Willst du?

Ich kann doch nicht. Ich muss doch aufpassen, sagte Jürgen unsicher. Immerzu? fragte der Mann, nachts auch?

Nachts auch. Immerzu. Immer. Jürgen sah an den krummen Beinen hoch. Seit Sonnabend schon, flüsterte er.

Aber gehst du denn gar nicht nach Hause? Du musst doch essen.

Jürgen hob einen Stein hoch. Da lag ein halbes Brot und eine Blechschachtel. Du rauchst? fragte der Mann, hast du denn eine Pfeife?

Jürgen fasste seinen Stock fest an und sagte zaghaft: Ich drehe. Pfeife mag ich nicht.

Schade, der Mann bückte sich zu seinem Korb, die Kaninchen hättest du ruhig mal ansehen können. Vor allem die Jungen. Vielleicht hättest du dir eines ausgesucht. Aber du kannst hier ja nicht weg.

Nein, sagte Jürgen traurig, nein, nein.

Der Mann nahm den Korb hoch und richtete sich auf. Na ja, wenn du hier bleiben musst – schade. Und er drehte sich um.

Wenn du mich nicht verrätst, sagte Jürgen da schnell, es ist wegen den Ratten. Die krummen Beine kamen einen Schritt zurück: Wegen den Ratten?

Ja, die essen doch von Toten. Von Menschen. Da leben sie doch von.

Wer sagt das?

Unser Lehrer.

Und du passt nun auf die Ratten auf? fragte der Mann.

Auf die doch nicht! Und dann sagte er ganz leise: Mein Bruder, der liegt nämlich da unten. Da. Jürgen zeigte mit dem Stock auf die zusammengesackten Mauern. Unser Haus kriegte eine Bombe. Mit einmal war das Licht weg im Keller. Und er auch. Wir haben noch gerufen. Er war viel kleiner als ich. Erst vier. Er muss hier ja noch sein. Er ist doch viel kleiner als ich.

Der Mann sah von oben auf das Haargestrüpp. Aber dann sagte er plötzlich: Ja, hat euer Lehrer euch denn nicht gesagt, dass die Ratten nachts schlafen?

Nein, flüsterte Jürgen und sah mit einmal ganz müde aus, das hat er nicht gesagt. Na, sagte der Mann, das ist aber ein Lehrer, wenn er das nicht mal weiss. Nachts schlafen die Ratten doch. Nachts kannst du ruhig nach Hause gehen. Nachts schlafen sie immer. Wenn es dunkel wird, schon.

Jürgen machte mit seinem Stock kleine Kuhlen in den Schutt. Lauter kleine Betten sind das, dachte er, alles kleine Betten.

Da sagte der Mann (und seine krummen Beine waren ganz unruhig dabei): Weisst du was? Jetzt füttere ich schnell meine Kaninchen und wenn es dunkel wird, hole ich dich ab. Vielleicht kann ich eins mitbringen. Ein kleines oder, was meinst du? Jürgen machte kleine Kuhlen in den Schutt. Lauter kleine Kaninchen. Weisse, graue, weissgraue. Ich weiss nicht, sagte er leise und sah auf die krummen Beine, wenn sie wirklich nachts schlafen.

Der Mann stieg über die Mauerreste weg auf die Strasse. Natürlich, sagte er von da, euer Lehrer soll einpacken, wenn er das nicht mal weiss.

Da stand Jürgen auf und fragte: Wenn ich eins kriegen kann? Ein weisses vielleicht?

Ich will mal versuchen, rief der Mann schon im Weggehen, aber du musst hier solange warten. Ich gehe dann mit dir nach Hause, weisst du? Ich muss deinem Vater doch sagen, wie so ein Kaninchenstall gebaut wird. Denn das müsst ihr ja wissen. Ja, rief Jürgen, ich warte. Ich muss ja noch aufpassen, bis es dunkel wird. Ich warte bestimmt. Und er rief: Wir haben auch noch Bretter zu Hause. Kistenbretter, rief er.

Aber das hörte der Mann schon nicht mehr. Er lief mit seinen krummen Beinen auf die Sonne zu. Die war schon rot vom Abend, und Jürgen konnte sehen, wie sie durch die Beine hindurch schien, so krumm waren sie. Und der Korb schwenkte aufgeregt hin und her. Kaninchenfutter war da drin. Grünes Kaninchenfutter, das war etwas grau vom Schutt.

 

Interpretation

Wir gehen vor nach dem Schema:

  • Was steht da? – Zusammenfassung in eigenen Worten
  • Wie ist es geschrieben? – Welche Sätze, welche Wörter, welche Bilder verwendet Borchert?
  • Was will Borchert damit sagen?

Zusammenfassung

Es ist Abend. Die Sonne scheint in die Schuttwüste der zerbombten Stadt.
Ein neunjähriger Junge mit dem Namen Jürgen sitzt auf einem Trümmerfeld. Er hält einen Stock in der Hand.
Plötzlich taucht ein älterer Mann auf, der ein Messer und einen Korb mit Grünzeug trägt. Der Mann hat dünne, krumme Beine und Erde an den Fingern.
Der Mann fragt den Jungen, ober hier schlafe. Der Junge antwortet: Nein ich muss hier aufpassen. Er will ihm zuerst aber nicht sagen, auf was er aufpassen muss.
Der Mann versucht es herauszufinden, indem er Jürgen neugierig macht. Dann sage ich dir auch nicht, was ich im Korb habe. Doch Jürgen hat bereits gesehen, dass er Grünzeug gesammelt hat und tippt auf Kaninchenfutter.
Wieder fordert ihn der Mann heraus: Dann weisst Du sicher, wie viel dreimal neun sind? Jürgen kann’s ausrechnen. Genau so viel Kaninchen habe ich. Du kannst sie sehen, wenn du willst. Viele sind noch ganz jung.
Er kann nicht, denn er muss ja hier aufpassen. Auch nachts, fragt der Mann. Ja, seit Samstag. Du hättest vielleicht eins haben können, sagt der Mann.
Nun rückt Jürgen mit der Wahrheit heraus: Er will seinen vierjährigen Bruder vor den Ratten schützen, dieser wurde unter dem zerbombten Haus begraben. Die Ratten würden doch die Toten fressen.
Der ältere Mann sagt ihm nun: Weiss dein Lehrer denn nicht, dass nachts die Ratten schlafen? Dies sagt er, um den Jungen von seiner Bewachungsaufgabe zu erlösen.
Der Junge beginnt zu glauben, was der alte Mann sagt. Er ist todmüde. Aber gleichzeitig träumt er bereits davon, ein Kaninchen zu besitzen.
Der Mann will am Abend, wenn es dunkel wird, zurückkommen und Jürgen nach Hause bringen. Er müsse doch seinem Vater sagen, wie man einen Kaninchenstall baue.
Jürgen sieht den Mann heimgehen, der Sonne entgegen, die durch seine krummen Beine scheint.

Der Text als Ganzes

Die Geschichte beginnt durch eine Beschreibung der Situation.

Im Mittelteil findet der Dialog zwischen dem alten Mann und dem Jungen statt.

Der Schluss ist ein offenes Bild, wieder eine Beschreibung.

Was uns am Text auffällt

Kurze Sätze: Der Text besteht aus Sätzen mit durchschnittlich 8,2 Wörtern. Andere Texte haben längere Sätze, durchschnittlich doppelt so viele Wörter.

Eine zerstörte Stadt. Wir wissen weder genau wann, noch wo wir sind.

Die vereinsamte Mauer gähnte… Die Schuttwüste döste… Die Dinge werden personifiziert, sie fühlen Einsamkeit, sie gähnen und dösen…Während für die meisten Menschen eine Schuttwüste nichts anderes ist als einen Steinhaufen, wird dieser für Borchert zum dösenden Lebewesen.

Die Personen werden aber kaum persönlich, sie werden in ihrer Persönlichkeit nicht näher beschrieben, sie bleiben Typen. Der Junge erhält im Laufe der Erzählung den Namen Jürgen. Einzig im Dialog zwischen den beiden erraten wir etwas über sie.

Der Alte steht vor dem sitzenden Jungen, das unterstreicht den Altersunterschied der beiden.
Warum hat der Mann krumme Beine? Und warum scheint die Sonne durch die krummen Beine? Warum werden die Haare des Jungen als Haargestrüpp beschrieben? Ist es die Armut des Alten und der verstockte Stolz des Jungen?

Die Angst des 9-jährigen Jungen wird nur durch seine Gedanken beschrieben: Er merkte, dass jemand gekommen war und nun vor ihm stand, dunkel, leise. Jetzt haben sie mich! dachte er.
Der Alte steht im Gegensatz zum Lehrer: Das Wissen vom Lehrer, der sagt, dass Ratten auch Tote fressen, ist in dieser Situation nicht hilfreich. Die Notlüge des Alten, dass Ratten in der Nacht doch schlafen, kann dem Jungen helfen, aus seiner Situation zu kommen.

Die Sätze sind kurz: Borchert schreibt seinen Text in halb so kurzen Sätzen, wie normale andere Texte. Sie werden hervorgestossen und wurden mit dem Stakkato in der Musik verglichen. Mit durchschnittlich 8,2 Wörtern sind diese Sätze rund halb so lang wie andere vergleichbare Texte.

Wiederholungen werden als Stilmittel eingesetzt:

Der Junge blinzelt und blinzelt.

Der Junge schaut durch die Beine des Alten.

Jürgen macht kleine Kuhlen in den Sand, zuerst sind es kleine Betten, wohl eins auch für ihn oder für seinen kleinen Bruder. Danach sind die kleinen Kuhlen die Kaninchen, welche er sich so sehr wünscht.

Was ist die Aussage?

 

Über Borchert und seine Trümmerliteratur

Die deutsche Nachkriegsliteratur wird oft
Trümmerliteratur genannt. Dichter und
Schriftsteller wie Günter Eich, Wolfgang
Borchert und Heinrich Böll setzten sich
realistisch, in einer einfachen, sachlichen
Sprache mit dem Zweiten Weltkrieg und seiner
Folgen auseinander. Große Worte und
Gefühlsausbrüche wurden vermieden; das war
die Sprache der Nazis gewesen.
Wolfgang Borchert wurde 1921 in Hamburg
geboren. Er machte eine Buchhändlerlehre,
wurde 1941 als Soldat in Russland verwundet,
kam wegen „Wehrkraftzersetzung“ ins
Gefängnis und starb 1947 an den Folgen seiner
Kriegsverletzungen. Er schrieb Gedichte, kurze
Prosastücke und das Heimkehrerdrama
Draußen vor der Tür (1947) über den
Unteroffizier Beckmann, der bei seiner
Rückkehr aus Russland kein Zuhause mehr
findet. (aus: deutschunddeutlich.de)